Kolumbien; die Tapis zwischen Indigenen und Militär

15. Oktober bis 23. Oktober 2013

Gesamtkilometer:          9857 KM
Längste Strecke:              77 KM
Plattenstatistik:                  33

Der Morgen graut in Bueno Ventura, als wir mit unseren Rädern im Schummerlicht das Hafengelände verlassen und nach Cali aufbrechen. Die wolkenverhangene Gegend erscheint alles andere als einladend, doch die z.T. auf Stelzen gebauten Hütten der Slums beeindrucken auf eine ganz eigene Art und Weise (Ghetto-Romantik). Da es stetig bergauf geht, spüren wir schon bald, dass wir ein paar Wochen nichts getan haben. Die Beine fangen an zu brennen und der Kreislauf lässt den Kopf freudig Karussell fahren. Wir wollen heute keine Helden sein! Nach 3 Stunden kommt uns eine günstige, familiäre Unterkunft wie gerufen. Gute Entscheidung, am Abend werden wir den beiden noch „unverheirateten“ (zwinker,zwinker) Töchtern vorgestellt …Buenas noches 😉

Dass Kolumbien nicht ganz ungefährlich ist, beweist die starke Militärpräsenz. Während wir uns weiter die Berge hinauf schlängeln, passieren wir Panzerwagen und zahlreiche Soldaten, die mit schweren Maschinengewehren oder sogar Granatwerfern ausgestattet sind. Trotzdem ist die Stimmung ausgelassen. Die Milizen grüßen, lächeln oder fangen mitten auf der Straße ein Gespräch an.

Die vielen Höhenmeter zehren an uns. Beide haben wir mit Knieschmerzen zu tun und müssen uns die 1800-Metermarke regelrecht erkämpfen. Die Mühe ist es dennoch wert, zur Belohnung bekommen wir eine sagenhafte Aussicht und eine 18 Kilometer lange Abfahrt nach Cali. Mit einem kleinen Lächeln rollen wir durch die Stadt, so anders wirkt sie auf uns. »Wir sind wirklich in Kolumbien.« Auf der Suche nach einer günstigen Unterkunft  treffen wir auf Sita, eine etwas aufgedrehte, aber nette Engländerin, die uns zu sich einlud, doch spontan dann plötzlich selber keine Bleibe mehr hatte. Trotzdem verabreden wir uns mit ihr. Am nächsten Tag kam sie ins Green House Hostel, wo wir letztlich 2 Betten für uns fanden.
Agro Yoga! »Was machen wir?« Ich zeig euch wie man fliegt! 😉 Komm einfach her! Beflügelt von Sita ́s Beinen, hängen wir dann wirklich für die nächste Stunde abwechselnd in der Luft, während die lustige Engländerin ihr Bestes gibt, um aus uns einen menschlichen Knoten zu zaubern.
(*Die hier beschriebenen Szenen wurden von erfahrenen „Stuntmännern“ ausgeführt. Vorschlag: das sollte niemals ohne professionelle Hilfe geschehen.);-)

Cali ist spannend zu entdecken, denn die Stadt hat viele Gesichter. Unser Viertel ist besonders schön. Einen Abend sitzen wir zusammen mit Sita, sowie einem Freund von ihr auf einer Dachterrasse und machen Musik, während der Tag zur Nacht wird und die hüglige Landschaft vor unseren Augen einen magischen Wechsel vollzieht. Allerdings hören wir auch viele Horrorgeschichten von Schießereien, die wir kaum glauben können, da die Kolumbianer, die wir treffen, einfach unheimlich nett sind. Auch die Stadtkarte aus dem Hostel deutet mit traurigen, roten Smilies darauf hin, bestimmte Viertel nicht in der Nacht oder besser gar nicht zu betreten. Vielleicht doch nicht ganz ohne Grund, bei einer Rundfahrt entdecken wir einige heruntergekommene Stadtteile, in denen Drogen nur eins der vielen Probleme zu sein scheinen.
Wie so oft könnten wir hier noch ewig bleiben, wie so oft müssen wir weiter. Doch nicht ohne noch Alex den Russen zu treffen, der letzte Nacht im Vollrausch, splitterfasernackt, neben uns in sein Bett kippte und sich heute Morgen unverändert vorstellte. »Hi, ich bin Alex.« Die wahrscheinlich ehrlichste Art jemanden kennenzulernen! Nichts verstecken! 🙂

Wir verlassen die Stadt in Richtung Popayan. Im Garten eines Restaurants dürfen wir diese Nacht unser Zelt aufstellen. Die einzige Bedingung ist, dass wir dort frühstücken. Ansonsten bekommen wir eine Dusche, Trinkwasser und …viele Mädels?! Schon beim Zeltaufbauen bildet sich ein kleiner Haufen von z.T. leicht bekleideten Grazien, die wissen möchten wie es sich in einem Zelt so schläft(*zwinker). Natürlich wollen sie nur unser Bestes, …schöne Augen inklusive. Am Abend bemerkten wir dann eindeutig wo wir gelandet waren. Hübsch zurechtgemacht, hatten die Mädels noch viel Arbeit vor sich.

Man hatte uns gewarnt! »Da kommt ihr nicht durch!« Zwischen Cali und Popayan gab es zu dieser Zeit schwere Auseinandersetzungen zwischen den Indigen, die für ihre Menschenrechte kämpften und dem kolumbianischen Militär. Und mittendrin die Tapis, die auf ihren Drahteseln vorbeikommen. 😉

Zu Beginn treffen wir auf Kolonnen von Panzerwagen und schwerst bewaffneten Soldaten, die uns jedoch freundlich gewähren lassen.»Gegen 14Uhr solltet ihr aber von der Straße verschwinden!!« ruft uns einer noch nach. Vorbei an Überbleibseln vergangener Schlachten dringen wir nun immer tiefer in das Kampfgebiet vor. Hier werden Vorbereitungen getroffen! Einige Leute tragen Baumstämme zur Straße, andere rollen große Felsbrocken vor sich her. Viele Indigene sind mit Pfeil und Bogen, Schlagstöcken oder Katschis bewaffnet. Uns ist etwas mulmig zumute, doch die Einheimischen schaffen es schnell unser Unwohlsein zu lösen. Viele von ihnen jubeln uns zu, feuern uns am Berg an oder winken wie verrückt. Einige Kilometer weiter treffen wir auf einen weiteren Militärkonvoi. Traurig, dass sich hier später alle die Köpfe einschlagen werden!

Kurz vor Popanyan treffen wir Carlos mit seinem klapprigen Fahrrad, einer festgezurrten Sporttasche und einem von Schweiß durchtränkten Pullover. Der junge Kolumbianer radelt über das Wochenende 200 Kilometer zu seiner Familie. Da wir die gleiche Route haben, fahren wir zusammen. Für uns ist er noch mal ein Beweis, dass man nicht viel braucht, einfach ein Fahrrad schnappen und losfahren! Schöne Aussichten gibt es hier viele, doch sie müssen erkämpft werden. Ok, manchmal haben wir Glück und hängen uns an einen langsam fahrenden Lastwagen, was allerdings bei 70kg Fahrradgewicht dann auch ordentlich auf den Arm geht. 😉 Die Sonne steht schon tief als wir einen weiteren Militärposten bei Mojarras im Departamento de Cauca passieren. Ein Soldat, der unsere Ausweise kontrolliert, spricht deutlich zu uns. »Jungs seid vorsichtig! Guriella und Räuber sind hier unterwegs.« Echt? »Klar, wir stehen hier nicht umsonst.Komisches Gefühl, bei der schönen Landschaft und den netten Leuten vergisst man schnell wo man sich befindet. Versteckt von der Straße, dürfen wir unser Zelt diese Nacht neben einem Restaurant, in einem Hain aus Limettenbäumen aufstellen. Somit haben wir gleich zweifachen Schutz vor Räubern und Vitamin C Mangel. 😉

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